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Hilfsbereit? Nein! Danke! #0067

Ein Dilemma ist eine Situation, aus der es keinen Ausweg gibt. Hilfsbereitschaft ist so ein Dilemma. Ich bin – bislang – immer gerne aktiv hilfsbereit gewesen. Leider lautet meine erstaunliche Erkenntnis: Hilfsbereitschaft – Nein danke! Das gilt bis auf eine Ausnahme.

Wenn jemand ein Problem hat und Sie das Erkennen, dann haben Sie folgende Optionen:

  1. Sie tun nichts, hören einfach nur zu.
  2. Sie bieten aktiv Hilfe an.

Beginnen wir mit dem Fall 2: Sie bieten Ihre Hilfe aktiv an. Welche mögliche Konsequenzen kann das haben?

  1. Derjenige, der das Problem hat, hat es vielleicht noch gar nicht erkannt und kann gut damit leben. Mit Ihrer aktiven Hilfsbereitschaft haben Sie Ihm ein Problem beschert – damit haben Sie keinen Nutzen gestiftet.
  2. Derjenige, der das Problem hat, fühlt sich bevormundet. Immerhin ist das ja „sein“ Problem und er kann damit machen, was er will. Mit Ihrer aktiven Hilfsbereitschaft sind Sie ins Fettnäpfchen getreten – damit haben Sie keinen Nutzen gestiftet.
  3. Derjenige, der das Problem hat, fühlt sich minderwertig, weil Sie ihm (offensichtlich) nicht zutrauen, das Problem selbst zu lösen. Mit Ihrer aktiven Hilfsbereitschaft haben Sie sich also über den anderen gestellt – das ist nicht gut. Damit haben Sie keinen Nutzen gestiftet.
  4. Wenn Sie aktiv helfen, besteht die Gefahr, dass Sie das Problem in seiner Tiefe nicht richtig verstanden haben und am Ende eine Lösung umgesetzt haben, die den Kern nicht trifft und dann zu Beschwerden führt. Im Zweifel haben Sie dann Schuld an etwas, was nur gut gemeint war. Damit haben Sie keinen Nutzen gestiftet und sind ein hohes Risiko.
  5. Derjenige, der das Problem hat, hat kein Erfolgserlebnis, weil er das Problem nicht selbst gelöst hat – das haben Sie ja nun erledigt. Damit haben Sie keinen Nutzen gestiftet.
  6. Derjenige, der das Problem hat, fühlt sich verplichtet, Ihre Hilfe anzunehmen. Sie haben ihn unter Druck gesetzt – damit haben Sie keinen Nutzen gestiftet.
  7. Derjenige, der das Problem hat, muß Ihnen hinterher dankbar sein – und will das (vielleicht) gar nicht.
  8. Ganz selten: Und nur, wenn derjenige, der das Problem hat UND es auch schon erkannt hat UND auch schon bei der Lösung gescheitert ist UND auch noch unter dem Problem leidet (und sich nicht damit arrangiert hat) UND nach dringend Hilfe sucht …. dann ist Ihre aktive Hilfsbereitschaft gut.
  9. Und natürlich: In einer Beziehung/Partnerschaft/Familie gelten andere Regeln. Da ist es normal, dass man sich hilft, wo immer man kann.

Kommen wir nun zm Fall 2: Sie bieten Ihre Hilfe nicht an. Welche möglichen Konsequenzen kann das haben?

  1. Derjenige, der das Problem hat, findet in Ihnen einen aufmerksamen Zuhörer und freut sich, dass jemand ihn bedauert und ihn in seiner Leidensrolle wahrnimmt. Er fühlt sich gut und ist Ihnen dankbar oder zumindest hält er Sie für einen netten Kerl.
  2. Derjenige, der das Problem hat, hat wirklich Not und bittet Sie um Hilfe. Dann und nur dann löst sich das Dilemma, dann können Sie einen Lösungsvorschlag machen. Wenn dann wieder um Hilfe gebeten wird, dann können sodar aktiv helfen!

Ein Beispiel: Jemand hat ein Problem. Fall A: Sie helfen aktiv und beseitigen das Problem, dann hat der Nutzen der Problemlösung einen Wert von sagen wir 10 Dankbarkeitspunkten. Fall B: Sie warten darauf, dass Sie gebeten werden, zu helfen und helfen nur unter Zögern und Zaundern, tun es dann aber trotzdem, dann sammeln Sie bestimmt mindestens 50 Zufriedenheitspunkte ein.

Das Dilemma aus Nutzensicht:
Sind Sie hilfsbereit schaffen Sie (vielleicht) einen Nutzen von 10 Einheiten, weil das Problem gelöst ist. Sind Sie nicht hilfsbereit, schaffen Sie ggf. einen Nutzen von 50 Einheiten, weil die Problemlösung erbettelt wurde.

Das Dilemma aus emotionaler Sicht:
Sie erkennen ein Problem, könnten es – im Zweifel – mit einem Fingerschnips lösen, dürfen das aber aus den o.g. Gründen nicht. Wenn Sie denjenigen, der das Problem hat, sehr mögen – gar lieben – dann leiden Sie, weil der andere leidet – dürfen ihn aber nicht von seinem Leid befreihen …

Das Dilemma aus mitmenschlicher Sicht:
Derjenige, der das Problem hat, traut sich nicht, Sie zu bitten, weil er a) glaubt, Sie würden ihm nicht gerne helfen oder b) Ihr Hilfeaufwand für seine Person zu groß ist oder c) Sie keine Lust und keine Zeit haben. Für Sie wäre es aber eine Leichtigkeit und eine Freude.

Ich habe lange gebraucht, bis ich das verstanden habe. Ich dachte immer – sei hilfsbereit und alles ist gut – leider ist dem nicht so. Es sei denn, Sie leben in Familie oder Partnerschaft.

P.S. Für ungewollte Ratschläge und Tipps gilt übrigens das Selbe: „Auch Ratschläge sind Schläge“!

Dieser Beitrag ist sicher etwas überzeichnet. Psychisch gesunde und stabile Menschen wissen es sehr zu schätzen und zu würdigen, wenn sie nicht um Hilfe betteln müssen, sondern diese angeboten bekommen.

 

 

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3 Kommentare

  1. Sei hilfsbereit, ohne drüber nachzudenken, ob es Punkte bringt – Das ist der Punkt 😉

    „I never lose. I either win or learn“ Nelson Mandela

    Bleib positiv und so erwartungsfrei als möglich!!
    M2

    Antworten
    • Ja, so war meine Denke früher auch. Deswegen musste ich (mir) diesen Blogeintrag auch schreiben.
      Für mich gilt: Ich muß nicht glauben, alles besser zu wissen und besser machen zu können und andere Menschen retten zu können.
      Manch einer will einfach nicht gerettet werden, gefällt sich in seiner Unvollkommenheit mit seinem Problem. Recht hat er. Sein Problem. Sein Leben.

      Antworten
  2. Ein Augenöffner! Vielen Dank 🙂
    Zumindest könnte es helfen, öfter einmal nicht aktiv Hilfe „aufzudrängen“ 🙂

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